Donnerstag, 3. September 2015

03.09.2015 - Betroffen

Die NZZ scheibt betroffen:

"Dramatische Fotos vom Flüchtlingsdrama

Zweifelhafter Betroffenheitskult

Soziale Netzwerke und Massenmedien verbreiten die Fotos eines toten Knaben am Strand. Der Betroffenheitskult hinterlässt einen bitteren Geschmack. Träumereien, die demnächst kaputt bombardiert werden. Von der brutalen Realität.

Seit Mittwoch zirkulieren in sozialen Netzwerken die Bilder eines Knaben, der tot an einem Strand in der Türkei liegt. Verschiedene Zeitungen, nicht nur boulevardeske, platzierten die Aufnahme auf ihren Titelseiten. Die flächendeckende Präsenz der Foto, die von der türkischen Dogan News Agency hergestellt wurde, war für zahlreiche Online-Medien wiederum ein Anlass, das Publikum darüber zu informieren, dass Europa darob erschüttert sei."


Matthias Kamann (WELT) meint dazu:

Ein Toter darf nur von denjenigen betrachtet werden, die dieser Tod etwas angeht. Dieser Tod geht uns an, und deshalb ist es statthaft, das Bild vom ertrunkenen syrischen Jungen am Strand von Bodrum der Weltöffentlichkeit zugänglich zu machen – und zuzumuten. Man kann ja nicht sagen, dass der Tod des Flüchtlingskindes, das offenbar wie sein Bruder und seine Mutter bei der Überfahrt von der türkischen Küste zu einer griechischen Ägäis-Insel ums Leben gekommen ist, bloß ein Einzelschicksal sei, aus dem man sich herauszuhalten habe.


Alan Posener (WELT) meint:

Fotos sind wertvoll, wenn sie Dinge erzählen, die man sich nicht recht vorzustellen vermag, wenn und weil ein Bild mehr sagt als tausend Worte: Eine zerstörte Stadt, das Innere einer Raumstation, ein fabelhaftes Tor, das Kleid eines Supermodels. Wenn sie informieren. Dieses Foto informiert nicht. Es sagt uns nichts, was wir nicht wissen. Es manipuliert. Und Manipulation ist immer schlecht, auch – ja gerade – für einen guten Zweck.

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