Die NZZ scheibt betroffen:
"Dramatische
Fotos vom Flüchtlingsdrama
Zweifelhafter
Betroffenheitskult
Soziale Netzwerke und Massenmedien
verbreiten die Fotos eines toten Knaben am Strand. Der Betroffenheitskult
hinterlässt einen bitteren Geschmack. Träumereien,
die demnächst kaputt bombardiert werden. Von der brutalen Realität.
Seit Mittwoch zirkulieren
in sozialen Netzwerken die Bilder eines Knaben, der tot an einem Strand in der
Türkei liegt. Verschiedene Zeitungen, nicht nur boulevardeske, platzierten die
Aufnahme auf ihren Titelseiten. Die flächendeckende Präsenz der Foto, die von
der türkischen Dogan News Agency hergestellt wurde, war für zahlreiche
Online-Medien wiederum ein Anlass, das Publikum darüber zu informieren, dass
Europa darob erschüttert sei."
Matthias Kamann (WELT) meint dazu:
Ein Toter darf nur von denjenigen betrachtet werden, die dieser Tod etwas
angeht. Dieser Tod geht uns an, und deshalb ist es statthaft, das Bild vom ertrunkenen
syrischen Jungen am Strand von Bodrum der Weltöffentlichkeit
zugänglich zu machen – und zuzumuten. Man kann ja nicht sagen, dass der Tod des
Flüchtlingskindes, das offenbar wie sein Bruder und seine Mutter bei der
Überfahrt von der türkischen Küste zu einer griechischen Ägäis-Insel ums Leben
gekommen ist, bloß ein Einzelschicksal sei, aus dem man sich herauszuhalten
habe.
Alan Posener (WELT) meint:
Fotos sind wertvoll, wenn sie Dinge erzählen, die man sich nicht
recht vorzustellen vermag, wenn und weil ein Bild mehr sagt als tausend Worte:
Eine zerstörte Stadt, das Innere einer Raumstation, ein fabelhaftes Tor, das
Kleid eines Supermodels. Wenn sie informieren. Dieses Foto informiert nicht. Es
sagt uns nichts, was wir nicht wissen. Es manipuliert. Und Manipulation ist
immer schlecht, auch – ja gerade – für einen guten Zweck.
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